Warum Clamor Orsade trinkt

"Mit Bedacht zerteilte er das Fleisch und ordnete Kartoffeln auf dem Teller. Dann hob er den Krug in Richtung Wirt.
»He da Fley!«
Der Angesprochene nickte, wischte sich die Finger an der Schürze ab und kam zu uns herüber.
»Grüße werter Herr. Womit darf ich dienen?«
»Eine warme Mahlzeit und« – ich blickte auf Hobergs Krug – »auch Orsade.«
Eines meiner ersten Probleme bei dieser Szene war ganz banal: Was sollte Clamor trinken?
Cola? Wird erst 100 Jahre später erfunden.
Wasser? Fraglich, ob er dann nicht regelmäßig mit Magenproblemen zu kämpfen hätte.
Bier? Möglich, aber auf Dauer vielleicht zu teuer – und ich wollte ihn nicht ständig leicht beschwipst herumlaufen lassen.
Most oder Saft? Im Februar vermutlich nicht verfügbar.
Milch? Wahrscheinlich eher für die Herstellung festerer Molkereiprodukte reserviert.
Ich klickte und blätterte mich also durch Reenactmentberichte, Museumsseiten, BBC-Dokumentationen, Gemälde, alte Haushaltsratgeber und Romane – immer auf der Suche nach einem Getränk, das 1788 in Dortmund plausibel gewesen wäre.
Fündig wurde ich in einem Haushaltsbuch für Frauenzimmer: Orsade – eine Art Limonade des 18. Jahrhunderts, die je nach Region stark variiert.
Eine gängige Zubereitung:
2 Lot süße und 2 Lot bittere Mandeln im Mörser fein stoßen, mit 1 Maß frischem Brunnenwasser aufgießen, ¼ Pfund Zucker unterrühren, durchs Tuch gießen und abfüllen.
Auf den ersten Blick machbar (Mandeln und Zucker sind in Dortmund nachweislich im Handel), wenn auch nicht billig.
Doch es gab noch andere Varianten: In einem niederländischen Lexikon taucht Orsade als „Orgeade“ auf – also als Gerstentrank. Andere Quellen beschreiben Versionen mit Gerstenwasser. Mal wird das Getränk von Limonadiers hergestellt, mal von Konditoren, mal von Wirten.
Am Ende wurde klar: Orsade war im 18. Jahrhundert ein Sammelbegriff für nichtalkoholische Erfrischungsgetränke, flexibel an lokale Gegebenheiten angepasst – und mit einem wohlklingenden Namen.
Genau das Richtige für Clamors Welt.
Quellen:
Volmaakte grond-beginzelen der keuken-kunde, 1775
Joseph Lieutaud: Inbegriff der ganzen medicinischen Praxis, Teil 2, 1779
Demachy/Dubuisson: Der Liqueurfabrikant, Bd. 1–2, 1785
Johanna Catharine Morgenstern-Schulze: Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, 1786
