Einstieg

Der Romanbeginn: Erste Szene – und ein Blick hinter die Kulissen

 

Samstag, 16. Thaumond 1788
„Grüße, guter Mann. Ich bin Clamor Heinrich Aldenhagen und bitte um Einlass. Man erwartet mich am Archigymnasium.“
Der Vorbau des Stadttores schien zusammenzuschrumpfen, als sich der Angesprochene erhob und über meinem Kopf hallte es: „Papiere?“
Ich reichte Pass, Reiseerlaubnis, den Passierschein für die Grafschaft, das Anschreiben des Direktors und etwas Torgeld nach oben und wartete. Gerüche von Pulver und feuchtem Holz hingen in der Luft.
„Lehrer?“ Eine befehlsgewohnte Stimme ließ mich herumfahren.
Unter einem sandfarbenen Herrenrock umspannte ein goldfädendurchsetztes Gilet eine mehr als wohlgenährte Körpermitte; darüber ein bockskleegrünes Halstuch, darunter moosgrüne Kniebänder. Ein Siegelring an einem fleischigen Finger deutete auf mich. Die Erscheinung klopfte mit einem Fritzstock einmal auf den Boden und wiederholte: „Lehrer?“
Ich nickte.
„Ja.“
„Des Schreibens mächtig?“
„Ja, Deutsch, Latein, Hebräisch Franzö–.“
„Sollte reichen.“
„Und Kenntnisse in–“
„Es genügt! Kommen Sie mit!“
Wäre in diesem Moment Hippolyte hereingaloppiert, ich hätte nicht mehr Verwirrung aufbringen können.
„Papiere!“ Ich hatte den Torwächter völlig vergessen und griff erschrocken nach meinen Unterlagen.
„Kommen Sie! Lassen Sie Ihre Truhe stehen, Jakob wird sie zu Ihrem Quartier bringen. Kommen Sie endlich!“ Der Goldgrüne hatte die Tür geöffnet, nickte dem Torwächter zu und trat hinaus.

 

 

Werkstattnotiz
Bereits am Tor gab es die ersten Schwierigkeiten. Was genau brauchte man eigentlich, um 1788 nach Dortmund hineinzukommen?
Konnte jeder einfach durch jedes Tor spazieren? Gab es Vorschriften, Kontrolle, Gebühren?
Ich erinnerte mich an Vorschriften zu festen Öffnungszeiten, an Reglements für Fahrende Händler, Juden und Ausnahmegenehmigungen an Markttagen.
Ich wälzte Rekonstruktionszeichnungen, erinnerte mich an Stadttore, die ich besucht hatte, und arbeitete mich durch mehrere Stapel „Show, don’t tell“-Literatur und „Which words to leave out“-Webseiten.

Unterwegs lernte ich:

Dass die Ich-Perspektive nicht für Anfänger empfohlen wird (ehrlich gesagt: auch nicht für Fortgeschrittene).

Dass Leser:innen lieber Atmosphäre als Erzählung lesen. (Okay, da konnte ich mitgehen.)

Und dass Dinge idealerweise mit allen Sinnen erzählt werden.

Puh. Wie riecht ein Stadttor?
Diese Frage wurde zu einer meiner treuesten Begleiterinnen: „Was würde ich selbst wahrnehmen, stünde ich neben Clamor?“

Neben den baulichen Aspekten spielte auch Clamors Position innerhalb der Stadtmauern eine Rolle.
Ich konnte ihn nicht einfach herumlaufen lassen und „einen Fall klären“ lassen – er wäre weder befugt gewesen noch wäre es ihm überhaupt in den Sinn gekommen.

Vielleicht hätte man ihm in Berlin oder Petersburg den wissenshungrigen, Gerechtigkeit fordernden Mann abgenommen.
Oder klassisch: in der Abgeschiedenheit eines Klosters.
Aber nach Dortmund? (Wir werden noch einiges über diese Stadt erfahren. Aber schon jetzt: Sie war weder eine Hochburg der Aufklärung noch ein Hort des Wissens – fragen Sie Mallinckrodt oder Arnold!)

Er musste also irgendwie gezwungen werden.
Gerstein – Sie kennen ihn ja inzwischen – spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Ich wollte einen Auftakt, der:

meine Figur rahmt,

die Leser:innen in Clamors Welt hineinzieht

und zugleich einen realen historischen Startpunkt für seine Zeit in Dortmund bildet.

 

Seiner Biografie nachzuspüren war komplex.
Wenn er in Dortmund ankam, musste er nicht nur einen Grund haben, herzukommen –
sondern auch einen Ort, woher er kam.

So entstand aus Lebens- und Ortsdaten, ergänzt durch Universitätsregister, eine Biografie, die ihn mit realen Personen und Ereignissen in Berührung brachte.
Sie wurde sein Vorleben – ein inneres Bezugsrepertoire, auf das er zurückgreifen konnte.

Und je weiter sich Clamor mir öffnete, desto mehr erfuhr ich auch über seine Kindheit.
Und über seine Familie.

 

➜ Clamor selbst hat dazu auch etwas zu sagen
Und wie immer tut er das auf seine Weise.
Seine Anmerkungen zur Szene findest du hier: Clamors Annotation.

 

Zur Übersicht: Tod im Thaumond

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