Ausschnitt aus dem Roman:
Pock Pock Pock. Die Tür öffnete sich und zwei Frauen betraten die Stube. Bei der jüngeren hatte es Gott gefallen, die Menge Sommersprossen auf ihr zu platzieren, die für die ganze Region gereicht hätten. Die Ältere blieb an der Tür stehen. Sie trug den Schlüsselbund an der rechten Seite, ihr Haar war dunkel, zurückgesteckt unter einer weißen Haube. Ich verspürte den Wunsch, ihr all meine Sorgen anzuvertrauen und hoffte, sie würde sie mir nehmen und mich in einem Kokon aus Wohlbehagen zurücklassen.
„Nun mein Herr? Haben Sie sich schon gut eingerichtet? Ich dacht mir, bring dem jungen Herrn mal was zu essen. Muss ja hungrig sein. Mein Friedrich isst so gern, kommt ganz nach seinem Vater. Gott hab ihn selig. Nu reist er, mein Friedrich. Ist ein kluger Kopf. Ach, wo hab ich nur meinen? Ich bin Witwe Elisabeth Kagenbusch“.
Sie nickte der Sommersprossigen zu und vor mir auf dem Tisch erschienen auf einem Holztablett ein Krug, ein halber Laib dunkles Brot, ein Töpfchen Butterschmalz, ein Messer und ein Stück dunkle Wurst. Ich roch Pfeffer und Zimt.
„Mein Friedrich liebt Beutelwurst. Schon als Knabe stibitze er sie immer aus der Kammer. Habs natürlich immer gemerkt. Langen Sie doch zu.“
Nun stieg mir auch das Aroma von Majoran in die Nase. Mein Magen knurrte und ich nahm das Messer.
„Vielleicht möchte der junge Herr später zu uns herüberkommen. Meine Schwägerin und ich wohnen nebenan und zur dritten Stunde trinken wir gerne eine Schokolade.“
„Nun, danke. Ja gern. Danke für das Essen. Es sieht köstlich aus.“
Sie warf noch einen letzten Blick auf das Tablett, winkte dem Mädchen und beide verließen das Haus.
Das Essen sättigte meine Sinne und füllte meinen Magen. Ich hielt es für angemessen, mich für die Vorstellung beim Direktor frisch zu machen.
Ich stieg nach oben und setze mich auf das Bett. Kein Rascheln. Mit der flachen Hand drückte ich auf den Leinensack. Kein Rascheln. Meine Augen schließend, ließ mich nach hinten gleiten. Federn. Kein Stroh. Was für ein Luxusleben.
Ich öffnete meine Augen und blickte an die Holzdecke. Im hinteren Winkel hatte eine Spinne Fäden hinterlassen. Die geweißelte Decke quoll rau zwischen den glatten, dunklen Balken. An der Wand über mir ein Haken. Wozu? Im Fenster das Licht der Wintersonne. Ich atmete den Geruch der Federn und des Linnens. Weit entfernt der Schrei eines Habichts.
Ich richtete mich auf, öffnete meine Reisetruhe, schob meine gefaltete Wäsche zur Seite und griff nach meinem kleinen privaten Kästchen. Ich öffnete eines der Glasfläschchen. Orangen! Ich atmete tief ein und massierte mir die Schläfen, kämmte die Haare zu einem neuen Zopf, nahm meine Bourse und ließ das Ende des Haarzopfs in den kleinen Beutel gleiten.
Wenn Hoberg recht hatte, war es wohl hier angebrachter, mit einem Band zu wickeln. Wie teuer wohl ein solches Band hier war? Ob es wohl unschicklich wäre, die Witwe auf einen ehrlichen Händler anzusprechen?
Ich versuchte, meine Frisur mit meinem kleinen Spiegel so ordentlich wie möglich zu formen – ein Spiegel auch so etwas, das ich auf meine Liste zur Anschaffung setzen musste – und tauschte meinen Reisemantel gegen meinen Justaucorps.
Erst entleerte ich meine Blase, dann den Nachttopf und war froh, dass mein Fenster über einem kleinen Sandplatz lag. In Duisburg hatte ich mehrere unschöne Erlebnisse mit ungestümen Nachttopfleerungen gehabt. Da hatte ich mir geschworen, niemals mit dem Ruf „Et kütt!“ die Straßengänger zu beglücken.
Aufpoliert öffnete ich die Tür, stieg die Treppe hinunter und machte mich auf, mich zu Professor Gierigs Haus durchzufragen.
Werkstattnotiz
Die Witwe Kagenbusch und ihre Schwägerin sind ebenfalls erfunden. Sie wurden inspiriert durch den Vermerk im Häuserbuch: „Westenhellweg, Grundstück 46“ das an das Lehrerhaus angrenzende Gebäude. Hier vermeldet man „1774 Witwe Chirurg J. H. Steiff, Cath. Elis. Geb. Kaupe u. H. Gieseke“ und „1794 Witwe Feldscher J. Arn. Ludwig Gieseke Clara Mar. Elisabeth, geb. Steiff u. Witwe Steiff“.
Ich hatte einen alleinstehenden Mann, noch sehr jung, aufgrund seines sozialen Status vermutlich kaum bewandert in der Kunst des Selbstversorgens. In einigen Quellen zum Beispiel über das Studentenleben in Göttingen finden sich solche Kombinationen aus Witwen, die Hausgäste oder eben Nachbarn versorgen. Um die Kommunikation mit ihr nicht zu langweilig werden zu lassen, erschuf ich ihre Schwägerin und Sommersprosse hilft im Haushalt.
Die Essensbeschreibung entstammt aus Kochbüchern der Gegend zusammen mit Überlegungen, was zugänglich, kostengünstig und nahrhaft war.
Man könnte in diesem Abschnitt auch eine Beschreibung seines Aussehens erwarten, aber einerseits verwiesen die schon angesprochenen Quellen ausführlich auf abgegriffene Bilder wie Spiegel, Fenster- oder Wasserflächen als Beschreibungskrücken und andererseits präferiere ich selbst als Leserin die Offenheit einer Figurenbeschreibung.
Ich kann an einer Hand abzählen, an welchen Stellen ich mir einfach nur um der Sequenz willen etwas ausgedacht habe. Das „et kütt“ ist so etwas. Ich habe meine eigene Oma im Ohr, die beim Kammellenwerfen ebenso wie bei ankommenden Fahrzeugen oder auch drohenden Regenergüssen mit „et kütt“ – „es kommt“ warnte. Ob das jemals jemand beim Thema Nachttopf gemacht hat, kann ich nicht sagen. Aber seit einem Besuch einer Burg in Kindertagen, in denen ein schauspielerisch begabter Guide das Toilettensystem erklärte, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass „es“ wohl mehr als einmal jemanden getroffen haben muss.
Clamors Annotation
Die Witwe versorgt mich noch immer mit Beutelwurst. Friedrich ist noch nicht zurückgekehrt, aber sie lässt mich gern an seinen Briefen teilhaben. Sommersprosse arbeitet noch bei den Witwen, aber auch hier scheint es neue Entwicklungen zu geben.
Auf zu Gierig, Sie werden noch verstehen, warum ich gleichzeitig zögerlich und hoffnungsvoll klinge!

