Ausschnitt aus dem Roman: 
Ich zog meinen braunen Radmantel eng um mich und folgte ihm. Draußen sprach er mit einem hageren Burschen und marschierte dann Richtung Osten. Es war windig, aber nicht unangenehm und ab und zu trafen uns ein paar Wintersonnenstrahlen.
Wir eilten vorbei an Fachwerkhäusern, die sich gegenseitig zu stützen schienen. Bei einigen hingen die Läden schief in den Angeln, an anderen konnte ich den Stützbalken kaum trauen. Noch im letzten Moment wich ich einem Fäzen aus. Hier trieben sie wohl auch die Schweine entlang.
Zur rechten Hand quietschte eine Schwengelpumpe, zur linken gackerten Hühner. 
In der Türöffnung eines Wirtshauses erschien eine dralle Dunkelhaarige. „Ehrwürdige Grüße Hofrat, kehren Sie doch nachher ein. Vor einer Wahl sollte man immer auf Fortuna trinken.“ „Grüße, Wirtin. Immer tüchtig und auf einen Handel aus, wie?! Hoffe Sie und der Wirt erfreuen sich guter Gesundheit?! Frisch ans Tagewerk!“. 
Wir eilten weiter und überholten eine hutzelige Alte, die mit unermüdlichen „Wärmt euch, kauft Schwefelfäden“-Rufen für ihre Waren warb.
Ich erblickte eine Kirche. Ihr Turm endete abrupt und war nur mit einem Holzdach geschlossen. Von Süden wehte der scharfe Geruch einer Gerberei. 
Über uns tönte eine Männerstimme: „Gerstein, so früh schon auf?“ Der Mann war bei seiner Morgentoilette und stand mit offenem Jabot und schiefer Perücke an einem der oberen Fenster. „Professor Viemann! Einen herrlichen guten Morgen! Nicht jeder kann nach der Neunerglocke aus den Federn kriechen“. Beide Männer lachten, und wir setzten unseren Weg fort. 
Der scharfe Geruch eines Schweinestalls ging in die wohligen Düfte eines Backhauses über.
Hofrat Gerstein wies nach rechts auf schmales, etwa 13 Fuß breites Fachwerk. „Die Lehrerwohnung. Das Fahrenbergsche Haus. Witwe Kagenbusch hat sicher schon alles vorbereiten lassen.“ 
Ich trat Richtung Tür. Ein Waschkrug und Gerstenbrei zur Stärkung. Wunderbare Aussichten. 
„Wo wollen Sie hin? Dafür ist später Zeit. Kommen Sie!“ Wieder sah ich seinen Rücken. 
Sollte ich mich weigern? Sollte ich einfach stehenbleiben? Nein, allein in einer fremden Stadt war es sicher nicht gut, es sich mit einem zu verscherzen, der sich Goldfäden leisten konnte. Ich setzte mich wieder in Bewegung.
Ein großes klosterähnliches Gebäude, ein Gildenhaus, etwas entfernt zwei weitere Kirchen. Diesmal mit vollständigen Türmen. Endlich lenkte er seine Schritte nach links und blieb stehen.


Werkstattnotiz
Um Clamors Welt wirklich zu begreifen, habe ich sie mir erlaufen. Heute ist der Hellweg eine Einkaufsstraße und auch wenn ich ihn shoppender Weise schon zig mal gegangen war, habe ich ihn mir neu mit Stoppuhr und verschiedenen Schrittvarianten erarbeitet: Mit einem drängenden, etwas erledigen müssen Stechschritt eilte ich ihm voraus. begleitete ihn und folgte seinen Spuren, zögerlich, fast tastend, Unheil erahnend ebenso wie leicht torkelnde oder beschwingt und erwartungsfroh.
Gleichzeitig habe ich speziell für dieses Szene wieder auf das Häuserbuch zurückgegriffen. 
Westenhellweg, Grundstücksnummer 118. 
Am Hellweg hier lagen 3 Parzelle: das alte Gasthaus, der Eingang zum Grafenhof und das neue Gasthaus. […] die genaue Lage des Grundstücks lässt sich nicht genau erschließen, einzelne Parzellen gelten als unbebaut, sind aber Teil des Gasthofes.
Westenhellweg, Grundstücksnummer 71. 
„1732 Bernh. Mannheimb.
1794 Prof. J.Jak. Viemann (Erben des kürzlich verstorbenen J.J. Viemann verkauften Hausmöbel 4.2. 1812).
Ich kann also davon ausgehen, dass J.J. im Februar 1788 – erwähnte ich eigentlich, dass Thaumond nur ein anderer Name für Februar ist? – Bewohner dieses Hauses ist. 
Ob Viehaus ein Spätaufsteher oder die Wirtin drall war, darüber gibt es keine Aufzeichnung. Ich habe die Figuren mit Leben gefüllt, mal mit dichterischer Freiheit, mal mit Stereotypen. 
Oh, und ein Fäzen ist ein Haufen Schweinemist – falls Sie beim Googeln nur auf Fätzen, Fläzen oder Fälzen gestoßen sind – ja, ich sehe Sie schmunzeln.


Clamors Annotation
Ich weiß noch, ich hatte das Gefühl, an hunderten von Häusern vorbeizugehen. Heute kenne ich die Stadt wie meine Westentasche – oh ja, ich höre SIE schon: „Nicht wie eine Westentasche. Zwar kann es sein, dass Du das Prinzip einer Weste kennst, aber Kleingeld, Uhren und Schlüssel darin zu transportieren und dadurch sich in dieser Form auskennen zu können? Nein, das geht leider nicht.“ Mal ehrlich. Ich lasse meine Tinte nun hier auf diesem seltsamen, endlosen Papierbogen fließen, den SIE „Web-Seite“ nennt. Ist mir da eine kleine Rollenerweiterung gestattet? Aber SIE hat schon recht. Ich fühle mich in meiner Welt zu Hause, auch sprachlich.
Wie gesagt, zum damaligen Zeitpunkt erschien mir die Stadt überwältigend und die Häuser schienen sich endlos aneinanderzureihen.

 


Zur Übersicht: Tod im Thaumond
 

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